Das Mädchen, neun Jahre alt, sagte nicht viel, streng genommen nur einen Satz: „In unserem Ida-Gebirge wird großer Schaden angerichtet.“ Für die Moderatorin im türkischen Kinderfernsehen „TRT Cocuk“ war der Satz trotzdem schon Kritik genug, um die junge Anruferin aus der Leitung zu werfen. „War nett, mit dir zu reden, schöne Feiertage“, rief sie ihr noch eilig hinterher.

Der Vorfall sorgt für Aufsehen in der Türkei. Er berührt gleich zwei umstrittene Themen: Die Empfindlichkeit der Regierung von Präsident Recep Tayyip Erdogan gegenüber Kritik – und ihre Ignoranz bei Umweltfragen.

Lefteris Pitarakis / AP

Präsident Erdogan: Raubbau an der Natur

Im Ida-Gebirge zwischen Istanbul und Izmir will die kanadische Firma Alamo Gold Inc. eine Goldmine in Betrieb nehmen. Bereits vor zwei Jahren begann sie damit, Bäume zu roden und die Böden bis auf das Gestein abzutragen.

Lukratives Geschäft für den Staat

Für den türkischen Staat ist es ein lukratives Geschäft. 90 Millionen Dollar hat der Bergbaukonzern für die Schürfrechte gezahlt, mit 4,5 Prozent soll die Türkei am Goldgewinn beteiligt werden.

Anwohner und Umweltaktivisten fürchten hingegen um Ökosystem und Trinkwasser der Region. Einem Bericht der türkischen Umweltorganisationen TEMA zufolge sollen statt der genehmigten 45.000 Bäume mehr als 200.000 gefällt worden sein. Die Regierung dementiert den Bericht.

Ende Juni errichteten einige Hundert Demonstranten ein Camp in dem Gebirge. Vergangene Woche schlossen sich dann mehr als zehntausend Menschen dem Protest an. Seither weckt der Aufstand Erinnerung an die Gezi-Revolte 2013, einen Schlüsselmoment der Ära Erdogan.

Umweltaktivsten rebellierten damals gegen die Zerstörung des Gezi-Parks im Zentrum von Istanbul. Innerhalb weniger Wochen weiteten sich ihre Proteste zu der größten Demonstration in der jüngeren, türkischen Geschichte aus – mit Millionen Teilnehmern.

Gezi war ein Wendepunkt für die Türkei

Die Gezi-Proteste waren für die Türkei ein Wendepunkt: Sie verliehen einer Generation, die bis dahin als unpolitisch galt, eine Stimme. Sie sorgten jedoch auch dafür, dass sich die Regierung weiter radikalisierte. Erdogan ließ die Revolte von der Polizei niederschlagen, sechs Menschen kamen bei Auseinandersetzungen mit Sicherheitskräften ums Leben. Etliche Demonstranten müssen sich bis heute vor Gericht verantworten.

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Bauprojekte in der Türkei: Proteste im Namen der Umwelt

Die Regierung Erdogan setzt ihren Raubbau an der Natur fort. Überall im Land müssen Wälder, Weiden, Reservate, Flughäfen, Straßen, Hochhaussiedlungen weichen. Bereits der Bau des Istanbuler Flughafen sorgte in den vergangenen Jahren für Empörung. Nun hat die teilweise Zerstörung des Ida-Gebirges die Umweltbewegung neu belebt.

Es war nicht nur die Zahl der Teilnehmer, die die Gezi-Revolte eins besonders machte, sondern vor allem ihr Charakter. Im Gezi-Park fanden Menschen zueinander, die sich bis dahin voller Misstrauen gegenüberstanden: Säkulare, Islamisten, Linke, Kurden, Studenten, Arbeiter und Transsexuelle stritten gemeinsam für die türkische Demokratie.

In einer Analyse des US-Thinktanks „The Washington Institue“ heißt es, dass die Opposition nun einen neuen Moment der Einigkeit erlebt.

Politiker der Oppositionsparteien CHP, HDP und IYI stärken den Demonstranten im Ida-Gebirge den Rücken. Der neu gewählte Istanbuler Bürgermeister Ekrem Imamoglu teilte wie viele Türken den Hashtag #KazdaginaDokunma („Fasst das Ida-Gebirge nicht an“). Die Vorsitzende der IYI-Partei, Meral Aksener, besuchte vor wenigen Tagen das Protestcamp und pflanzte am Rande des Bauzaunes Bäumchen ein.

Am vergangenen Wochenende hat dann Fazil Say ein Open-Air-Konzert gegeben. Der bekannte Pianist spielte ein Stück, das er eigens für den Anlass komponiert hatte. Say hatte zuvor via Twitter öffentlich zum Konzert geladen, das helfen sollte, „das Massaker an der Natur zu stoppen“. Tausende Zuschauer folgten seiner Einladung.

Widerstand gegen andere Großprojekte

Pläne, das Ufer das Saldasee zu bebauen, stoßen ebenfalls auf Widerstand. Eine Petition dagegen wurde innerhalb von nur zwei Wochen von mehr als 200.000 Menschen unterschrieben. Berichten zufolge will ein Gericht die Ausschreibung nun prüfen.

Staatsnahe türkische Medien diffamieren die Umweltschützer als Provokateure und Unruhestifter. Erdogan selbst hält sich bislang zurück. Er steht ohnehin unter Druck. Die türkische Wirtschaft befindet sich in der Krise, Weggefährten wenden sich von ihm ab. Das Letzte, was der Präsident nun gebrauchen kann, ist ein zweiter Gezi-Moment.

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